Schlusswort.

Zum besseren Verständnis der heimatbewussten und vaterländischen Gedichte aus dem 19. Jahrhundert ist es unbedingt notwendig, sich diese Zeit vor Augen zu halten. Im 19. Jahrhundert stand Tirol sehr stark unter dem Eindruck der französischen Revolution und der napoleonischen Kriege. Zwar war der Freiheitskampf der Tiroler nach beachtlichen Erfolgen letzten Endes militärisch gescheitert, aber der mutige Kampf hatte als Initialzündung für die folgenden deutschen Befreiungskriege gewirkt und war somit doch nicht umsonst gewesen. Diese Ereignisse waren für die Menschen des 19. Jahrhunderts ein Schlüsselerlebnis, das ihr Denken stark veränderte. Die französische Revolution und die folgenden Kriege haben in ganz Europa eine Entwicklung in Gang gesetzt, die sich in der Kultur und vor allem in der Literatur widerspiegelt. Die Völker hatten begonnen, sich nicht nur als Untertanen ihrer jeweiligen Herrscher zu sehen, sondern als Gemeinschaften, die durch Sprache, Kultur und Geschichte zusammengehalten werden. Dies erfordert Solidarität innerhalb der Gemeinschaft, gibt aber auch das Recht, an deren Schicksal mitzuwirken.

Dieses nationale Denken, das damals begann, war ursprünglich nie gegen andere Völker gerichtet, denen ja das gleiche Recht auf Pflege und Entfaltung ihrer Volksgemeinschaft zuerkannt wurde. Im Laufe der Zeit ist das nationale Denken immer mehr zu nationalistischem Denken entartet und hat in dieser übersteigerten Form im 20. Jahrhundert in eine Katastrophe geführt. Der Nationalismus, der heute als ein Grundübel erkannt wird, das einem friedlichen Zusammenleben der Völker im Wege steht und mit seinen Auswüchsen immer wieder zu kriegerischen Katastrophen führen kann, hat viele Begriffe belastet, die man im 19. Jahrhundert noch ganz unbeschwert verwendet hatte.

So waren z. B. Heimat und Vaterland durchwegs positiv besetzt, während sich manche Menschen heute damit schwer tun, nur weil diese Wörter zwischenzeitlich missbraucht worden sind. Wenn wir die Gedichte aufmerksam lesen, werden wir aber feststellen, dass nicht die eigene Heimat oder das eigene Vaterland über andere gestellt wurden, sondern dass die für alle Menschen auf der ganzen Welt geltenden positiven Eigenschaften von Heimat und Vaterland mit einer selbstlosen Liebe besungen wurden, die heute geradezu rührend wirkt. Wohlgemerkt: das Recht auf Heimat und Vaterland wird jedem Menschen zugestanden, die große Liebe gilt dem eigenen Land. Seltsam berühren mag uns heute die Diktion, wonach es süß sei, für das Vaterland zu sterben. Dieser Begriff, der schon im alten Rom gebräuchlich war, ist nicht wörtlich, sondern symbolisch zu verstehen. Die Bereitschaft zum Tod wird in der romantischen Literatur des 19. Jahrhunderts ja auch im Zusammenhang mit der Liebe sehr gerne verwendet. Man wollte damit den besonders hohen Rang dieser ideellen Werte zum Ausdruck bringen. Dass in Wirklichkeit auch damals das Sterben keineswegs als reine Freunde empfunden wurde, kommt in einigen wehmütigen Gedichten sehr klar zum Ausdruck.

Wer heute um "politische Korrektheit" bemüht ist, wird sich vielleicht daran stoßen, dass die Dichter des 19. Jahrhunderts unser Tirol ganz eindeutig Deutschland zuordnen. Das hat nichts mit irgendwelchen nationalistischen Bestrebungen zu tun, sondern entspricht dem damaligen Verständnis. Einen Staat namens Deutschland gibt es ja erstmals in der Geschichte seit dem Jahr 1948; Deutschland war früher kein Staat, sondern ganz einfach das Gebiet, in dem Deutsche in verschiedenen Staaten wohnten, und dazu gehörte selbstverständlich unser Tirol bis zur Salurner Klause. "Ganz Deutschland" blickte 1809 tatsächlich "in Schmach und Schmerz" auf Tirol.

Nikolaus Mayr

Aktualisierung: 20/04/2010
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