Dort im Eck im düstern Schein sitzt so blaß ein Mägdelein, ist vom Weinen müd und matt, was sie wohl verbrochen hat?

Im Kerker

A. Nikoletti

Sie kam geschleppt von schwarzen Horden, die des Volkes Seele morden, die die Muttersprache rauben mit dem Knüppel in der Hand.
Nun siecht hin ihr junges Leben, und die Trauerengel weben ihr für all das bitt’re Leid heimlich leis – ein Totenkleid.

Angela Nikoletti, geb. 1905 in Margreid, gest. 1930 in Kurtatsch
Mehr brauch ich wohl nicht zu sagen, denn ein jeder läßt das Fragen, was verbrochen sie für Taten. Jeder wird es leicht erraten…

Also sitzt sie hier alleine bei dem düstern Lampenscheine zwischen schmutz’gen Kerkermauern auf der wildzerfransten Pritsche.

Abend wurd’ es, wieder Morgen, sie erwacht in bangen Sorgen: Wird mir heut’ nicht Freiheit winken? Ach, wie lange muß ich trinken

aus dem Kelch, dem bitter herben? Ach Gott, sterben, lieber sterben, als in diesem Kerker weilen, wo’s so grausig, schaurig ist.
  Stunden werden ihr zu Wochen, langsam kommt die Zeit gekrochen. Bleicher wird sie, immer bleicher, nicht ahnt sie den graus’gen Schleicher:

Schleicher Tod, der ihr den Keim siecher Krankheit impfte ein. Verbitt’rung, Groll und schweres Leid nahm er mit sich als Geleit.

Wie sie zehren nun und nagen und die junge Seele plagen – Ach, für sie war das zu schwer, nicht wird sie genesen mehr.

Sie verließ die dunklen Mauern endlich doch mit bangem Schauern, denn sie ahnt ihr schweres Los, das noch fiel in ihren Schoß.

Und Verfolgung immerfort trieb sie hin von Ort zu Ort, bis sie endlich, krank und schwach, in sich selbst zusammenbrach.
Aktualisierung: 20/04/2010
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